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letzte Änderung: 28.07.2017


Mein persönlicher Nachruf: In memoriam Ludger Remy

Am 21.06.2017 ist Ludger Remy im Alter von 68 Jahren gestorben. Ich bin sehr dankbar für die Ehre und Freude, ihm Mitte/Ende der 90er Jahre zwei Mal in Michaelstein und ein Mal in seiner zweiten Heimat Bremen begegnet sein zu dürfen. Wie sehr hat mich das kurze Zusammentreffen bewegt, motiviert und in meinem musikalischen Leben beeinflusst! Wenn man mich fragen würde, wie ich ihn erlebt habe, dann würde ich sagen: er war von Musik erfüllt und beseelt und wirkte geradezu in ihr versunken. Tatsächlich war er sehr wach und arbeitete schnell und mit höchster Aufmerksamkeit. Wenn er ganz in seinem Element war, sprach er oft zu schnell, verhaspelte sich dann und bremste sich selber mit dem Wort “Stimmstockstegstifte“, wo andere vielleicht „Heuwägelchen“ gesagt hätten. Eine seiner größten Sorgen schien es zu sein, dass er nicht alt genug werden könnte, um all' die vergessene, in Bibliotheken unerkannt herumliegende, gute Musik entdeckt und aufgeführt zu haben. Ich denke an die Sommerakademie in Michaelstein 1996 zurück. Der Unterrichtsbeginn war hart („Hast Du vorher schon mal Cembalo gespielt?“), aber im Laufe der Woche wurden die übriggebliebenen Fragmente meines ambitionierten Laiendaseins zumindest partiell wieder zusammengesetzt. Sein unnachahmlicher Humor gipfelte am Ende des Kurses in dem Ausspruch, ich sei der am besten spielende Lebensmittelchemiker, den er kennen würde. Wahrhaftig kein Grund, sich etwas darauf einzubilden: Ludger hat mir in aller Deutlichkeit gezeigt, dass die Arbeit an der Spieltechnik nie ein Ende haben wird und dass ich noch viel zu tun habe. In der Probenarbeit mit dem Projektorchester hatte er eine genaue Vorstellung davon, wie ein Stück zu klingen habe und setzte sie mit den SchülerInnen und StudentInnen akribisch und unnachgiebig um. Er hatte kein Problem damit, eine Woche lang mit ein- und demselben Pullover herumzulaufen (aus dünnem, weißen Stoff, mit einem Bändchen oben am Hals), denn wirklich wichtig war ja nur die Musik. Ein paar Jahre später durfte ich ihn in seiner Wohnung in Bremen besuchen. Hier erinnere ich mich an die Skowroneck-Cembali, die das Wohnzimmer dominierten, und an den großen Wäscheständer voll frisch gewaschener Wäsche, damit der Raum die ideale Luftfeuchtigkeit für die Instrumente habe. Im Gespräch damals gab es im Wesentlichen nur ein Thema: die von ihm gerade eingespielten Cembalokonzerte und Symphonien von Carl Philipp Emanuel Bach, der für ihn ja „der“ Bach war. Drei intensive Erinnerungen bleiben: seine ablehnende Haltung Vitaminen gegenüber, meine schmerzenden Schultern, wenn er sie mir wegen zu pianistischer Spielweise traktierte, und seine schier endlose Energie, wenn er über Musik sprach oder musizierte. Lieber Ludger, die Welt ist ohne Dich ärmer geworden und ich konnte Dir nicht einmal „Danke“ sagen.